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U23
18.04.2012

Lutz Pfannenstiel: Rastlos in Namibia

Lutz Pfannenstiel sitzt in der Lobby des Hilton Hotel in Windhoek, vor ihm liegen zwei Handys. Mindestens eines blinkt immer. Der 38-Jährige eilt in der Regel von Termin zu Termin, hat sich aber für ein Interview mit achtzehn99.de eine halbe Stunde Zeit genommen. Zu wenig Zeit, um sich sämtliche Anekdoten anzuhören, die der einzige Fußballer der Welt, der in allen sechs Kontinentalverbänden Profi-Spiele absolvierte, zu erzählen hat. „Ich bin ein rastloser Mensch und kann nur sehr schwer abschalten“, sagt Pfannenstiel. Seit dem 1. März 2011 ist er als Scout und Beauftragter für internationale Beziehungen für 1899 Hoffenheim unterwegs.

Herr Pfannenstiel, beim Blick auf Ihre Vita verliert man schnell den Überblick. Wissen Sie selbst, für wie viele Vereine Sie gespielt haben?

Ich glaube, es sind 25. Aber auf jeden Fall in allen sechs Kontinentalverbänden, das ist etwas Besonderes und darauf bin ich stolz.

Fußballer mit derart vielen Wechseln werden in der Regel kritisch beäugt…

Man darf dabei nicht vergessen, dass ich von 2001 bis 2006 bei ein und demselben Verein gespielt habe. Das war in Neuseeland bei Dunedin Technical, die später ihren Namen in Otago United geändert haben. Da dort im Kalenderrhythmus gespielt wird und ich mich in der spielfreien Zeit nicht auf die faule Haut legen wollte, habe ich zwischendurch immer wieder Engagements in Europa gesucht.

Sie haben die ganze Welt gesehen. Wo war es denn am Schönsten?

Zum Leben in Vancouver. Fußballerisch gesehen aber in Brasilien, wo ich für den kleinen Klub CA Hermann Aichinger gespielt habe. Ich hatte das Glück, im Pokal gegen Botafogo im Maracanã-Stadion aufzulaufen. Damit habe ich mir nicht nur einen Kindheitstraum erfüllt, sondern in jener Partie auch den Rekord aufgestellt, für alle sechs Kontinentalverbände gespielt zu haben. Sieben Minuten lang spürte ich so etwas wie innere Ruhe – in der neunten Minute hat es dann geklingelt. Wir haben 0:2 verloren, aber es war ein unvergessliches Erlebnis, einmal in diesem Fußball-Mekka spielen zu dürfen.

Sie könnten Bücher mit Anekdoten füllen und haben das auch in „Meine Abenteuer als Welttorhüter“ teilweise getan. Welche hat den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Es gibt in der Tat viele Anekdoten, leider haben sich zwei negative eingebrannt. In England zum Beispiel ist mir ein Gegner in den Solarplexus gesprungen, so dass ich anschließend drei Stunden lang im Koma lag und die Wahrscheinlichkeit groß war, dass ich entweder geistig behindert oder gar nicht mehr aufwachen würde. In der Ukraine hat mir der Klub-Präsident einen nagelneuen BMW X5 hingestellt. Auf einer Fahrt ins Training habe ich dann die falsche Abfahrt genommen und die Orientierung verloren. In einem Industriegebiet habe ich vor einer Menschengruppe das Fenster runtergelassen und gefragt, ob jemand Englisch spricht. Plötzlich kommt ein junger Mann auf mich zu, hält mir eine Knarre an den Kopf und fordert mich auf, aus dem „Scheiß-Wagen“ zu steigen. Da stand ich dann. Ich habe meine Frau angerufen, die russisch spricht, und sie gebeten, den Vereinsverantwortlichen mein Problem mitzuteilen. Ich wurde schließlich abgeholt, zum Trainingsgelände gebracht – und da stand der X5. Vollgetankt und poliert. Ich bin nicht mehr lange in dem Klub geblieben…

Gibt es denn auch schöne Erfahrungen?

Ja, klar. Aber mit denen halte ich es eher allgemein. Ich habe viele Freunde fürs Leben gefunden, in über 500 Stadien gespielt, so viele verschiedene Fußballkulturen kennengelernt, das macht mich glücklich. Ich kann mich auch an scheinbar kleinen Dingen erfreuen. Zum Beispiel, gerade beim Africa Cup die Schlusszeremonie gesehen zu haben.

Haben Sie sich mal auf Hyperaktivität testen lassen?

Ja, das habe ich tatsächlich. Mir wurde aber nur ein leichter Hang zur Hyperaktivität attestiert. Ich komme mit vier Stunden Schlaf pro Nacht aus, dann brauche ich wieder eine Beschäftigung.

Verbringen Sie auch mal Zeit zu Hause?

Klar. Ich habe eine Wohnung in Frankfurt, sehe meine Frau und meine Tochter aber zugegebenermaßen leider nur sehr selten.

Seit einem knappen Jahr sind Sie nun für 1899 Hoffenheim unter anderem als Scout aktiv.

Hier kann ich meine internationalen Kontakte sehr gut ins Spiel bringen und die Arbeit macht mir einen Riesenspaß. Dadurch, dass ich auch für das ZDF und die BBC arbeite, komme ich bei den internationalen Spielen in den Genuss, auf sehr guten Plätzen mit Monitor zu sitzen. Beim Africa Cup habe ich 32 Begegnungen verfolgt und anschließend auf Video nachgearbeitet. Wer die Arbeitsbedingungen in solchen Ländern kennt, weiß, dass nicht mehr viel Zeit zum Schlafen bleibt. Bei der U20-WM 2011 in Kolumbien habe ich 17 Nächte im Bus verbracht, um schneller von A nach B zu kommen.

Mögen Sie keine Hotels?

Nein. Wer sich den ganzen Tag im Hotel versteckt, der kriegt nichts mit. Man muss hinter die Kulissen schauen. Fußball ist das Spiel des einfachen Mannes. Den muss man suchen, mit ihm muss man klarkommen. Beim Africa Cup habe ich mich zum Beispiel in die Unterkunft der Malier begeben, weil ich ihren Trainer Alain Giresse sehr gut kenne, und die Jungs beobachtet. Wenn ich dann sehe, dass der eine nur mit dicken Kopfhörern durch die Gegend stolziert und der andere nur den Frauen hinterher schaut, dann kann ich mir auch ein Bild vom Charakter der Spieler machen.

Kommen wir zum Trainingslager der Hoffenheimer U23 in Namibia. Wie kam das zustande?

Das namibische Ministerium für Tourismus ist mit einem Angebot für ein Trainingslager der Profis auf mich zugekommen, doch das kam aufgrund des Zeitraums nicht in Frage. Also fiel die Wahl auf die U23, die ja erst Anfang März ihren Spielbetrieb wieder aufgenommen hat. Mit der Unterstützung von „Air Namibia“ und dem „Namibia Tourism Board“ haben wir einen guten Preis erzielen können. Der Mannschaft wurde so ein Trainingslager ermöglicht, das nicht nur rein sportliche Inhalte hatte, sondern auch von vielen nachhaltigen sozialen Projekten geprägt war. Ich bin überzeugt, dass die Reise für die Spieler sehr persönlichkeitsbildend war. Schade, dass der Abschluss mit dem Busunfall, bei dem glücklicherweise niemand ganz schwer verletzt wurde, eine negative Note bekommen hat. Alle Beteiligten haben aber sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt und für eine bestmögliche Versorgung der Verletzten gesorgt.

Haben Sie von Ihren namibischen Kontakten ein Feedback über den Hoffenheimer Aufenthalt bekommen?

Die Leute sind begeistert. Vor allem vom anständigen Auftreten der Jungs, die das Klischee, das Fußballern anhaftet, nicht bedient haben. Beim Bundesliga-Heimspiel gegen Bayer Leverkusen Mitte April werden unsere unterstützenden Organisationen in der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena sich selbst und Namibia öffentlich präsentieren. Was mich auch freut: Ich habe eine SMS vom Auswärtigen Amt bekommen, in der es heißt, dass gerade nach der „Schädel-Affäre“ (im September 2011 kam es in Berlin bei einer Zeremonie zur Rückgabe namibischer Totenschädel aus der Kolonialzeit zu Protestaktionen, Anm. d. Red.) unser Namibia-Aufenthalt in den höchsten politischen Kreisen positiv registriert worden ist.

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