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AKADEMIE
28.03.2012

Julian Nagelsmann: Cheftrainer mit 24

Es gibt Tage, da erscheint Julian Nagelsmann mit giftgrüner Daunenjacke in der Akademie. Oder mit knallroten Hosen. Dabei benötigt der U16-Trainer eigentlich keine auffällige Kleidung. Seine Anwesenheit macht sich auf andere Weise bemerkbar: Nagelsmann ist kommunikativ, humorvoll und trotz seiner gerade mal 24 Jahre eine gereifte Persönlichkeit.

Eigentlich sollte die Laufbahn des heutigen Übungsleiters einen anderen Weg nehmen. Seine Jugendtrainer prophezeiten ihm eine Profikarriere. Doch eine verkorkste Knie-Operation und ein Knorpelschaden ließen es anders kommen. Am 23. Juli 1987 in Landsberg am Lech geboren, schloss sich Nagelsmann schon als dreijähriger Knirps dem FC Issing an, dem er bis zur E-Jugend treu blieb, um dann auf Eigeninitiative zum FC Augsburg zu wechseln. „Ich wollte mich für höhere Aufgaben empfehlen“, sagt Nagelsmann. Der TSV 1860 München wurde auf den Innenverteidiger aufmerksam und lotste ihn zwei Jahre später in die Landeshauptstadt.

Mit Fabian Johnson zusammengespielt

Fünf Jahre lang blieb er ein Junglöwe, absolvierte sein Abitur, war Kapitän der U17, spielte unter anderem mit dem heutigen 1899-Profi Fabian Johnson zusammen und schaffte es schließlich in die U23, bei der er jedoch aufgrund einer Sprunggelenkverletzung nicht zum Einsatz kam. 2007 kehrte er zum FCA zurück und hätte unter dem heutigen Mainzer Chefcoach Thomas Tuchel in der zweiten Mannschaft reifen sollen. Dann der Schock: Der Diagnose Meniskusriss folgten zwei Operationen und der ärztliche Befund, dass der Knorpel stark in Mitleidenschaft gezogen sei. Im Winter 2007/08 beendete Nagelsmann seine aktive Zeit. Mit gerade mal 20. „Das hat extrem weh getan und war eine schwierige Entscheidung“, blickt er zurück. „Aber im Endeffekt blieb mir keine andere Wahl.“

Tuchel erkannte aber das Trainerpotenzial des jungen Mannes und wollte ihn entsprechend aufbauen. „Ich habe ein paar Nächte drüber schlafen müssen, weil ich erstmal vom Fußball nichts mehr wissen wollte. Aber dann habe ich mich dazu entschlossen, es auszuprobieren.“ Für Tuchel fertigte Nagelsmann, der parallel in Augsburg ein BWLStudium begann, Gegneranalysen an, besprach Trainingseinheiten und lernte vor allem, wie man eine Mannschaft führt. Im Sommer 2008 ging Tuchel nach Mainz – und Nagelsmann kehrte zu den Löwen zurück, um unter seinem ehemaligen FCA-Coach Alex Schmidt Co-Trainer der U17 zu werden. 2010 folgte schließlich der Wechsel in den Kraichgau. „Ich musste nicht lange überlegen, als das Angebot kam“, sagt Nagelsmann. „Das Nachwuchsleistungszentrum befindet sich noch im Aufbau und man kann vieles mitgestalten.“

Vorbild: Pep Guardiola

Unter Xaver Zembrod begleitete er die U17 als Co-Trainer ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. „Der Wechsel nach Hoffenheim war für mich schon ein Risiko. Aber es hat sich gelohnt. In der Akademie herrscht ein super Miteinander und ich habe in meinem ersten Jahr viel dazugelernt.“ Im Sommer 2011 bot ihm der sportliche Leiter Alexander Rosen den Cheftrainerposten in der U16 an. „Das ist eine Riesensache für mich und eine tolle Herausforderung.“ Das BWL-Studium hat Nagelsmann vorerst abgebrochen, stattdessen absolviert er ein Fernstudium in „Sportwissenschaft und angewandte Trainingslehre“, in dem er kurz vor dem Abschluss steht. Was seine Ziele angeht, nimmt er kein Blatt vor den Mund: „Ich will so hoch wie möglich trainieren.“ Im Sommer wird er den A-Schein machen. Vorbilder? „Pep Guardiola.“ Eine einfache Wahl, aber Nagelsmann kann sie begründen: „Guardiola steht im Rampenlicht, lässt es aber nicht raushängen. Seine Trainingseinheiten sind beispielhaft, er ist nicht arrogant, sondern demütig und zudem immer adrett gekleidet. Er repräsentiert seine Branche sehr stilvoll.“ Mit seinem Ziehvater Tuchel hat Nagelsmann noch Kontakt und besucht ihn ab und an in Mainz.

"Wie Brot backen"

„Ich kupfere aber keine Übungen ab, sondern experimentiere lieber“, beschreibt der 24-Jährige seine Trainingsarbeit und vergleicht sie mit der eines Bäckers, der ein neues Brot kreiert. „Erst wird gebacken und anschließend probiert, ob es schmeckt.“ Der geringe Altersunterschied zu seinen Spielern zwingt den U16-Trainer, mit fachlicher Kompetenz zu überzeugen. Humor und Ironie sollen aber bei allem nötigen Ernst nicht zu kurz kommen: „Fußball ist sehr spaßbestimmt und ein lustiger Spruch zum Auflockern bestimmter Situationen schadet dem Lernverhalten nicht.“ Sein Motto lautet: „Glaub' an dich, aber vergesse dabei nie das Lachen.“ Dass der 24-Jährige seinen Humor behalten hat, ist nicht selbstverständlich. Neben dem sportlichen Schicksalsschlag des frühen Karriereendes musste er vor zweieinhalb Jahren einen zweiten im familiären Bereich verkraften. Doch an Situationen, an denen andere zerbrechen, ist er gewachsen. „Ich hatte auch Glück, dass ich in den schwierigen Phasen jemanden hatte, der mir geholfen und mich den Berg hochgezogen hat.“

Seine Entscheidung hat Julian Nagelsmann nie bereut. Ganz im Gegenteil: „Das macht sogar mehr Spaß, als Spieler zu sein.“ Mittlerweile wohnt er in Sinsheim. Wenn es die Zeit zulässt, besucht er die Familie in Landsberg oder die Freundin in München. Gelegentlich spielt er sogar noch Fußball – bei seinem Heimatverein FC Issing. „Ich habe meinem damaligen Trainer versprochen, dass ich nach dem Ende meiner aktiven Laufbahn zurückkomme“, schmunzelt Nagelsmann. Für die Kreisklasse reicht es – trotz Knorpelschadens. „Ich habe noch viele Freunde dort und gebe gerne etwas zurück.“ An seine zwei Tore beim 4:2 gegen Jahn Landsberg und den dadurch erreichten Aufstieg erinnert er sich gut. „Das 1:1 war ein 30-Meter-Hammer, beim 3:1 habe ich Torwart und Verteidiger überlupft.“ Da ist wieder dieses Grinsen, das zu Nagelsmann gehört wie seine Begrüßungsfloskel „Servus, Löwen-Fans!“, eine Hommage an den Stadionsprecher an der Grünwalder Straße. Oder wie die grüne Daunenjacke.

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