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FRAUEN
07.11.2012

Frauen: "Letztendlich spielen wir alle das gleiche Spiel"

Frauen und Männer in einem Team. Geht das? Nur so lange, bis die Jungs körperlich überlegen sind, sagen Leonie Pankratz und Marvin Compper. Pankratz trainierte bis zur C-Jugend mit Jungs und zieht daraus große Vorteile, erzählt sie. Welche Meinungen die beiden Hoffenheimer Abwehrspieler sonst noch vertreten, verrieten sie in einem gemeinsamen Gespräch.

Compper kommt in seinen Hoffenheimer Trainingsklamotten zum Treffen. Gestärkt vom Mittagessen im Trainingszentrum werden wir vom frisch gebackenen Vater mit einem freundlichen Lächeln begrüßt. Circa eine Stunde hat er Zeit, dann steht die nächste Trainingseinheit an. Schon jetzt wird der erste Unterschied zwischen Pankratz und Compper deutlich: Beide spielen Leistungsfußball, aber die 22-Jährige hat nur abends Training, wenn der Profi schon frei hat. Tagsüber studiert sie, um später Geld zu verdienen. „In Spanien“, erzählt Pankratz, wo sie bei Levante UD gespielt hat, „haben wir zwei Mal am Tag trainiert. Außer Fußball habe ich dort nichts gemacht. Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich nicht mehrere Jahre am Stück nur Fußball spielen möchte. Mir hat ein Ausgleich gefehlt – etwas für den Kopf.“ Jetzt studiert sie an der Uni Heidelberg, fährt nach den Vorlesungen vier Mal die Woche ins Training und zieht an den Wochenenden das Hoffenheimer Trikot über. Compper weiß die Leistung der Frauen zu schätzen. Er selbst hat das Abitur gemacht, sich dann für den Beruf des Fußballprofis entschieden. Er nennt es Glück, als Fußballprofi leben zu können. „Für uns ist es die allergrößte Leistung, dass wir uns in der großen Masse der jungen Spieler durchgesetzt haben“, sagt Compper. Schon im Alter von 13 Jahren beginnt das Aussieben: Auf der einen Seite die Talente, die zum Profi ausgebildet werden sollen, auf der anderen diejenigen, die sich nach beruflichen Alternativen umsehen müssen. Bei den Frauen ist das anders. Dort muss es berufliche Alternativen geben, egal ob Talent oder nicht. „Das Zusammenspiel zwischen Fußball und Beruf ist sehr hoch einzuschätzen. Die Frauen betreiben professionellen Aufwand, müssen aber trotzdem noch was tun, um sich weiterzubilden und Geld zu verdienen – es ist eine extreme Leistung“, lobt der Innenverteidiger, dem es wichtig ist, sich mit den anderen Mannschaften des Vereins auseinanderzusetzen.

Ein Spiel der Frauen und ein Training hat der 27-Jährige bereits beobachtet und kann sich gut vorstellen, bald mal wieder vorbeizuschauen. „Fußball ist ganz einfach meine Leidenschaft. Dazu gehören auch die Frauen. Wenn es sich einrichten lässt, schaue ich mir gerne mal wieder ein Spiel an.“ Attraktivität fehle dem Frauenfußball nicht mehr, sind sich die beiden einig. Auch das Interesse ist gestiegen, Spiele vor großem Publikum bleiben aber den Profis vorbehalten. „Für mich ist es schon etwas Besonderes, wenn 500 Leute da sind. Solche Spiele sind gleichbedeutend mit starken Gegnern, die Motivation ist dann extrem hoch“, sagt Pankratz. Für Compper ist es zwar auch „noch etwas Besonderes“, wenn die Arenen in der Bundesliga ausverkauft sind und 20.000 bis 80.000 Zuschauer die Mannschaften anfeuern. Dennoch muss er zugeben: „Wenn man im Spiel ist, nimmt man es nicht mehr so wahr. Man konzentriert sich auf seine eigenen Aufgaben.“ Dabei macht der Tübinger aber eine Ausnahme: „In entscheidenden Phasen des Spiels merkt man schon, wenn die Fans einen nochmal anfeuern.“

Als Innenverteidiger ist Compper fester Bestandteil der Startformation der Hoffenheimer. In der Verteidigung spielt auch Pankratz – allerdings auf der linken Seite, einer Position, die häufig alternativ besetzt wird, weil es nicht genug Spezialisten gibt. Denn das, findet Compper ist die Position auf der linken Seite: eine Spezialistenposition. „Vielleicht werden von den Trainern zu viele Notlösungen gesucht, denn die meisten jungen Spieler möchten Tore schießen und nicht verteidigen. Ein Spieler landet dann aber irgendwann mal dort. Würden junge Spieler schon spezialisierter ausgebildet werden, wäre vielleicht auch diese Position beliebter.“ Warum der Platz auf der linken Abwehrseite unbeliebt sein soll, kann Linksfuß Pankratz nicht verstehen: „Für mich ist es eine super Position. Über außen habe ich mehr Möglichkeiten, ins Offensivspiel einzugreifen und bin im gesamten Spiel mehr involviert als beispielsweise in der Innenverteidigung.“ Noch sechs Spiele wird die gebürtige Gießenerin auf dieser Position in Hoffenheim machen. Dann geht sie für ein halbes Jahr nach Portugal, um dort ein Auslandssemester zu verbringen und natürlich auch Fußball zu spielen. Sie war bereits in Spanien und findet, dass Fußball im Ausland „eine Riesenerfahrung“ ist. „Anfangs ist es natürlich schwierig, reinzukommen. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber an das andere Spielsystem“, erzählt Pankratz. Das hat sie ihrem Vereinskollegen voraus. Compper hat noch nie im Ausland gespielt. „Es würde mich aber schon reizen“, sagt der Abwehrspieler mit der Ergänzung: „Ich fühle mich hier aber noch sehr wohl. Wenn ich ins Ausland gehe, muss das ganze Paket stimmen.“ Wie Pankratz würde es Compper in den Süden ziehen. Die spanische Liga gefällt ihm am besten: Der Fußball habe die höchste Qualität und auch das Wetter sei fast immer gut, sagt er lachend.

Lachen muss Compper auch, als Pankratz ihn auf den Umgang mit schlechten Spielen anspricht. „Schlechte Spiele?“, fragt Compper und lacht. „Mittlerweile schaffe ich es immer schneller und besser, solche Spiele abzuarbeiten und sie für mich nutzend zu analysieren. Ich siebe das Gute aus, um meine Konzentration ab jeder neuen Trainingswoche dem nächsten Spiel zu widmen“, erklärt der Familienvater, der seine Jugend beim VfB Stuttgart verbrachte und nach drei Jahren bei Borussia Mönchengladbach in den Kraichgau wechselte. Pankratz spielte zuvor beim 1. FFC Frankfurt und beim VfB Gießen. Dort durfte sie mit den Jungs zusammen spielen: „Diese Erfahrung war sehr positiv für mich und hat mich in meiner Entwicklung nach vorne gebracht“, sagt die Linksverteidigerin, die einer fußballerischen Ausbildung in gemischten Teams nur Positives abgewinnen kann. Compper stimmt ihr zu: „Natürlich zählt auch hier die Leistung und Qualität. Aber wenn ein Mädchen gut genug ist – warum nicht? Letztendlich spielen wir alle das gleiche Spiel.“ Das gleiche Spiel mit einigen Unterschieden. Während Compper nach dem Gespräch seine Fußballschuhe für die zweite Trainingseinheit am Nachmittag schnürt, setzt sich Pankratz an den Schreibtisch, um ihrer Ausbildung nachzugehen. Fußball als Beruf wäre für sie nicht in Frage gekommen. Compper schätzt sich glücklich, als Fußballprofi arbeiten zu dürfen.

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