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29.06.2012

Endstation Halbfinale

Es war ein hartes Erwachen. Da gab es die lange Qualifikationsphase mit glanzvollen Siegen, die EM-Vorrunde mit neun Punkten, das Griechenlandspiel mit wiedergefundenem Offensivgeist. Dazu der Respekt von allen Seiten, von Fachleuten, von Experten. Und auch die Presse war im Boot. Die Folge: überbordender Optimismus. Millionen von Fans durften seit 2006 wieder vom deutschen Fußball schwärmen und sich 2012 auf Spanien im Endspiel freuen.

Alles schien gerichtet, endlich einmal wieder einen Titel zu holen. Doch der Traum vom bedeutenden Pokal, den schon die Bayern gegen Chelsea vergebens träumten, hielt der harten Realität nicht stand: Italien war nicht auf der Rechnung. Stattdessen das italienische Trauma – gegen die Azzurri hatte es noch nie einen Pflichtspielsieg gegeben. Das bleibt nun so.

Aber woran lag es? Ganz offensichtlich hatte Jogi Löw diesmal danebengegriffen, hatte sein sonst eher glückliches Händchen überstrapaziert und die falsche Aufstellung gewählt. Mit Kroos als weiterem Mittelfeldmann, zur Bewachung von Pirlo abgestellt, war das Mittelfeld übervoll und fehlten Özil die Anspielstationen, zumal Podolski erneut keinen guten Tag erwischt hatte und Gomez im Zentrum ohne Anschluss ans Spiel umherirrte. Die Idee, den genialen Passgeber Pirlo auszuschalten, hatte zwar viel für sich – aber sich auf diese Art vor allem aufs Spiel der Italiener zu beziehen und die eigene Spielweise unterzuordnen, war wohl keine so gute Idee.

Ganz zu Anfang gab es noch Chancen, Italien in die Knie zu zwingen. Dann hatten die Azzurri sich aber auf die deutsche Spielweise eingestellt und übernahmen das Kommando. Zwei Tore in der ersten Halbzeit waren die Quittung dafür, dass die deutsche Mannschaft nicht aus eigenem Antrieb heraus spielte. Dass individuelle Fehler die Torentstehung jeweils begünstigten, war nur ein weiteres Anzeichen für eine deutsche Elf, die eben in keiner Weise bei sich selber war.

Zwei Tore gegen Italien aufzuholen, ist ein Ding schierer Unmöglichkeit. In der Halbzeit korrigierte Löw seine Fehler, brachte Reus und Klose für Gomez und Poldi, ließ aber Kroos weiter spielen in der vergeblichen Hoffnung auf dessen Fernschüsse. Das Mittelfeld war damit jedoch immer noch überbelegt, so dass die inzwischen bravourös kämpfenden Deutschen im Spielaufbau weiter konfus wirkten, ohne zwingenden Zug zum Tor – wozu die vielen fehlgehenden Flanken und Zuspiele von Boateng und Lahm nicht wenig beitrugen.

Viel zu spät kam auch Müller ins Spiel, was aber wiederum nicht die richtige Entscheidung war: einerseits hätte Schürle wohl mehr Wind erzeugt, andererseits engte so Kroos Özils Kreativität weiter ein. Stattdessen nahm Löw also Boateng aus der Partie und spielte mit nur noch drei Verteidigern alles oder nichts. In der Folge gab es mehr Chancen für Italien, auf 3:0 zu erhöhen, als für Deutschland, den Anschlusstreffer zu erzielen, auch wenn Torhüter Neuer als eine Art Libero in die entstandene Lücke ging und manches Mal außerhalb des Strafraums furios kläre.

Seltsam müde und fern ihrer Möglichkeiten wirkte die deutsche Mannschaft. Was aber, wenn man zurückschaut, sich von Beginn des Turniers an in mehreren Momenten angedeutet hatte und vielleicht auch eine Folge der verkorksten Bayern-Saison war. Schweinsteiger, sonst der Kopf der Truppe, schien die vielen verlorenen Spiele und vor allem seinen verschossenen Elfmeter noch nicht verarbeitet zu haben – und mit ihm hatten auch Lahm, Badstuber, Müller, Kroos, Boateng und Gomez den Bayern-Crash im Kurzzeitgedächtnis. Andererseits: auch Özil wirkte müde, Poldi ebenfalls. Wirklich wach und in bester Verfassung schienen eigentlich nur Khedira, Klose und Hummels zu sein.

Hinterher ist man immer schlauer, was natürlich auch für Kommentare wie diesen gilt. Schade ist und bleibt es aber doch, dass die deutsche Mannschaft ihren einst unter Klinsmann begründeten neuen Offensivgeist diesmal so sehr unter die Kuratel der Zerstörung des gegnerischen Spiels stellte. Mehr Mut zur eigenen Art und weniger Besorgnis wegen der gegnerischen Stärken hätten die Partie gegen Italien mindestens aussichtsreicher gestaltet. So jedoch war Italien immer einen Schritt – und zum Schluss auch ein Tor – voraus.

Dass der ersehnte Titel nun wieder nicht gewonnen werden konnte, lag indes, so sehr er möglich gewesen wäre, auch etwas in der Luft. Ähnlich wie letztes Jahr bei der Frauen-WM, als jeder vom Titelgewinn ausging, hat man die Rechnung ohne die ambitionierten Gegner gemacht, hatte lang vor dem Finale vor allem das Finale im Sinn gehabt – und steht mit einem Mal mit leeren Händen da. Zudem war die Partie gegen Italien auch das erste Spiel gegen einen wirklich starken Gegner. Die vielen Siege aus der Qualifikation wie in der Vorrunde gegen eher leichtgewichtige Mannschaften besagen in solchen Momenten der Wahrheit wenig.

Schlussendlich ist man vor allem aber traurig, dass die vielen hochbegabten deutschen Spieler jetzt weiter ohne jeden Titel bleiben. Sie hätten mehr Erfolg, mehr Glück, mehr Anerkennung wirklich verdient gehabt. Beschaut man sich die Sache aber unter europäischen Gesichtspunkten, hat die Szenerie (vielleicht auch nur, wenn man lang genug danach sucht) sogar einen gewissen positiven Aspekt. Denn in der angespannten finanziellen Lage, in der Deutschland den Euro-Partnern zunehmend die Bedingungen diktiert und sich damit nicht eben beliebt macht, wäre Deutschland als Europameister möglicherweise ein machtvoller Bezugspunkt zuviel gewesen. So jedoch gehen Spanien und Italien ins Endspiel – wie man zugeben muss, die beiden besten Mannschaften des Turniers – und geben den beiden arg gebeutelten Süd-Ländern damit eventuell neue Kraft.

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