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AKADEMIE
14.12.2011

Trainerfortbildung mit Holger Geschwindner

Unter dem Aspekt „Von anderen Sportarten lernen“ begrüßte Bernhard Peters, Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung bei 1899 Hoffenheim, am Dienstagabend einen ganz besonderen Referenten im Profi- und Geschäftsstellenzentrum: Holger Geschwindner, Trainer und Mentor des deutschen Basketball-Superstars Dirk Nowitzki.

Das Thema der Fortbildung, an der alle Hoffenheimer Trainer von der Profiabteilung bis zum Kinderzentrum teilnahmen, lautete „Fleiß im Training und mentale Konsequenz bis zur Weltklasse“. Geschwindner, 66, selbst ehemaliger Basketball-Nationalspieler und Kapitän der deutschen Olympia-Mannschaft von 1972, referierte erfrischend sympathisch ohne Beamer und Laser-Pointer und schöpfte einfach nur aus seinem unendlichen Fundus. Nach einer knapp zehnminütigen Vorstellung seiner Person und wie das damals war, als er den 16-jährigen „langen Dünnen“ in Schweinfurt erstmals ansprach und später in Rattelsdorf bei Bamberg regelmäßig trainierte, stand der studierte Mathematiker zwei Stunden für Fragen zur Verfügung.

Mit den Weltbesten messen

Die Voraussetzungen, ein überragender Basketballer zu werden, waren bei Dirk Nowitzki bereits gegeben, seine Mutter und seine Schwester waren ebenfalls Nationalspielerinnen. Die entscheidende Frage Geschwinders lautete daher nicht etwa „Willst Du Bundesliga spielen?“, sondern „Willst Du Dich mit den Weltbesten messen?“ Nowitzki bejahte, und am Folgetag ging es mit dem Individualtraining los, denn, so Geschwinders Kredo, „dann musst Du jeden Tag trainieren“.

Der Mathematiker kann der Verlockung nur schwer wiederstehen, zum Edding zu greifen und am leeren Flipchart Formeln aufzuschreiben. Immer wieder zuckt die Hand, möchte die ideale Flugkurve des Balles aufzeigen, mit der auch ein schlechter Wurf durch die Reuse fliegt, oder berechnen, wieviele Spielstunden erforderlich sind, „um auf dem Treppchen zu stehen“. Geschwinder lässt den Edding liegen, bringt aber greifbare Beispiele. Von Ex-Ruder-Olympiasieger Dirk Schreyer, der einst mit Nowitzki über den Starnberger See ruderte, lässt er sich vorrechnen, wieviele Kilometer er in den Armen hatte, bevor er das erste Mal ein Podest bestieg, und kam auf 50.000. „Also mehr als einmal um die Erde.“ Ein Sportschütze verballere einen Güterwaggon an Munition, bevor er sich die erste Medaille umhängen könne. Und ein Basketballer brauche rund 1.000 Spielstunden. „Unter normalen Umständen hätte Dirk die mit 27 gehabt, deshalb habe ich ihn in drei Mannschaften spielen lassen und bin dafür hart kritisiert worden.“

Emotionale Intelligenz und Joseph Conrad

Aufgrund der Verschiedenartigkeit beider Sportarten und der unterschiedlichen Komplexität sowie des viel pralleren Terminkalenders in den USA mit zwei bis drei Partien pro Woche sind natürlich nicht alle Trainingsmethoden eins zu eins übertragbar. Dennoch lauschten die Hoffenheimer Trainer sehr interessiert den Ausführungen Geschwindners, der erzählte, dass er dem 2,13-Meter-Mann Nowitzki ein eigenes Fahrrad gebaut habe, da die normalen Räder für „die Lance Armstrongs“ (1,80 m) produziert würden, oder dass er seinen Zögling immer zum Lesen animiert habe. „Das bringt doch viel mehr, als immer nur Lieder zu hören, die aus 50 Vokabeln bestehen, von denen 25 ‚fuck‘ lauten.“ So legte Geschwindner schon immer großen Wert auf emotionale Intelligenz und empfahl Nowitzki die Lektüre von Joseph Conrads „Taifun“ oder auf einem der vielen Langstreckenflüge Gitarre zu lernen. „Der Junge muss mobil im Kopf bleiben und das trainieren, was talentunabhängig ist.“ Immer, wenn die Hybris eintrat, habe er Nowitzki darauf hingewiesen, dass seine Talente auch nur begrenzt seien. Zum Beispiel seine Reaktionsschnelligkeit im Vergleich zu der eines Fechters…

Das Talent als Aufgabe begreifen

Das Ziel nie aus den Augen verlieren und mit Werkzeugen ausgestattet sein, um gegen jeden Gegner etwas im Repertoire zu haben – das seien die Dinge, auf die es ankommt. Geschwindner erinnert an Dick Fosbury, den Hochspringer, der einst seine Sportart revolutionierte, weil er eine neue Sprungtechnik, den „Fosbury-Flop“, kreierte, die zuerst belächelt wurde, aber schnell den „Straddle“ für immer ablösen sollte. So gelte es auch im Basketball, immer neue Techniken zu entwickeln und die Spielidee zu revolutionieren, damit die Gegner nie wissen, was auf sie zukommt. „Das Talent“, so Geschwindner, „muss als Aufgabe begriffen werden. Für halbherzige Sachen ist die Zeit zu kurz.“ Er rechnet wieder vor: Lebensjahre, Stunden, Minuten. „Allein gegen die Mafia“ nannte er ein Spiel, bei dem Nowitzki, egal aus welcher Entfernung, 100 Punkte in drei Minuten werfen musste. Es gibt keine Zeit zu verlieren.

Den Anekdoten aus Nowitzkis Anfangszeit und 13 Jahren NBA hätten die Hoffenheimer Trainer noch länger zuhören können. Doch nach rund zweieinhalb Stunden war Schluss. Und auch wenn nicht alle Erfahrungswerte und Thesen Geschwindners mal eben auf den Fußball übertragbar sind, so hat er wenigstens viele Denkanstöße und Impulse gegeben. Als sich der Besprechungsraum im Trainingszentrum leerte, war das Flipchart noch jungfräulich.

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