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PROFIS
01.03.2011

Manager Ernst Tanner im Interview

Kaum einer kennt die Szene wie er: Ernst Tanner. Seit 2009 ist er für 1899 Hoffenheim tätig. Erst als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums und seit 2010 als sportlicher Leiter des Profiteams. Seinem Ruf, ein Mann mit dem Riecher zu sein, wurde Tanner auch in der neuen Rolle gerecht. Sebastian Rudy, David Alaba und Ryan Babel schafften auf Anhieb den Sprung in die Startelf. Eine Transferbilanz, die sich sehen lassen kann. achtzehn99 die Chance genutzt und beim Manager eine Bestandsaufnahme mit Blick in die Zukunft eingeholt.

Herr Tanner, haben Sie schon mal einen Gedanken daran verschwendet, wo man stünde, wenn ein Fußballspiel 80 statt 90 Minuten dauern würde?

Da wir nicht B-Jugend spielen, kann ich daran wohl nichts ändern. Aber das ist einer der Punkte, die verbessert werden müssen. Die Spiele, die wir im Grunde bereits positiv gestaltet haben, die müssen wir auch gewinnen.


Seit Januar ist Marco Pezzaiuoli im Amt. Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Trainer und Manager?

Reibungslos. Das liegt sicherlich zum großen Teil daran, dass wir - sowohl was die sportliche Philosophie oder die Kaderplanung angeht - ähnliche Auffassungen vertreten.


Wie sieht der Tagesablauf eines Managers außerhalb der Transferperiode aus?

Innerhalb dieser ist man in der Regel mit der Abwicklung der Transfers beschäftigt. Die Planung der Transfers, Sondierungsgespräche, Spielerbeobachtungen, all das fällt in die Perioden zwischen zwei Transferfenstern. Dazu kommt natürlich auch die konzeptionelle Arbeit und viele Personalgespräche.


Bei der Auswahl potenzieller Neuzugänge - von was lassen Sie sich leiten? Bauchgefühl, Erfahrungswerte, statistische Daten?

Es spielen ganz unterschiedliche Aspekte eine Rolle. Viele der Spieler kenne ich seit Jahren und beobachte seitdem ihre Entwicklung. Das sind Erfahrungswerte, die durch nichts zu ersetzen sind. Es spielt auch eine Rolle, welches Konzept ein Club verfolgt und ob dieses mit dem jeweiligen Charakter des Spielers, seinem Potenzial und seiner Entwicklungsstufe zusammenpasst.


Peniel Mlapa und David Alaba sind bereits aus gemeinsamen Tagen in München gute Bekannte. Spielt das eine Rolle?

In dem konkreten Fall nicht. Aber wir bemühen uns, den Spielern ein perfektes Umfeld zu bieten. Nur wer sich wohl fühlt, wird auch die Entwicklung machen können, die wir uns erhoffen. Für junge Spieler ist Hoffenheim da prädestiniert.


Was hat sich im Talentscouting in den letzten Jahren verändert?

Es ist professioneller geworden und hat sich in jüngere Altersbereiche verlagert. Das bringt neue Herausforderungen mit sich. Damit muss man umgehen und sich bemühen, das Ganze dennoch in die richtigen Bahnen zu lenken. Deutschland ist mittlerweile hoffnungslos „overscouted". Früher hat man perspektivisch interessante Spieler beobachtet, sie in ihrer Umgebung belassen und dann, wenn die Entwicklung positiv verlief, irgendwann in die eigene B- oder A-Jugend integriert. Heute ist man da schon zu spät, die meisten Spieler sind in diesem Alter bereits durch Förderverträge gebunden.


Welche Rolle spielen dabei die Berater?

Auch in dem Bereich hat sich sehr viel gewandelt. Früher waren Berater vor allem für die Vertragsverhandlungen zuständig. Heute sind sie Dienstleister, deren Aufgabenfeld sich auch an der eigentlichen Bezeichnung orientiert: Sie beraten den Spieler. Die betreuten Spieler werden immer jünger und suchen Ansprechpartner bei unterschiedlichen Fragen.


Der heutige Gegner heißt Mainz 05. Sehen Sie Parallelen zwischen den Mainzern und Hoffenheim?

Man findet sicherlich einige Gemeinsamkeiten. Die Philosophie ist ähnlich. Mainz bemüht sich wie wir ball-orientierten Offensivfußball zu spielen. Beide Klubs wollen dafür verstärkt auf junge Spieler setzen. Allerdings war Hoffenheim hierbei Trendsetter.


Mainz und Hannover sind die Überraschungen der Saison. Dafür stecken Bremen, Wolfsburg und Stuttgart im Abstiegskampf. Was ist los mit der Bundesliga?

Es gab ein Umdenken bei vielen Klubs. Man kann auch bei begrenztem Budget mit jungen Talenten punkten, sofern die elf Spieler als Team auftreten. Eine Mannschaft, die bei Ballbesitz ebenso wie ohne Ball als Einheit auftritt, ist in der Lage, fast jede Mannschaft, die das nicht tut, vor Probleme zu stellen. Diese Erkenntnis setzt sich gerade durch. Schon in der Hinrunde 2008/09 war Hoffenheim mit demselben Konzept sehr erfolgreich.


Holt die Bundesliga im europäischen Vergleich tatsächlich wieder auf?

Auf alle Fälle. Was mich speziell erfreut, ist, dass die Bundesliga sich in den letzten Jahren verstärkt dem offensiven Fußball zugewandt hat. Das steigert die Attraktivität enorm. Deutlich wird das allein, wenn man die Anzahl der Tore, die geschossen werden, vergleicht. Da liegt die Bundesliga klar vor Frankreich oder Italien.


Sind Sie der Meinung, dass von Hoffenheim mehr erwartet wird als die derzeitige Platzierung?

In der öffentlichen Wahrnehmung herrscht gelegentlich eine etwas überhöhte Erwartungshaltung. Das erste Halbjahr in der Bundesliga war phänomenal. Das hat alle überrascht - die Öffentlichkeit, die Gegner und die eigenen Fans. Jetzt scheinen einige zu denken, das sei der Standard. Soweit sind wir aber noch lange nicht.


Können Sie in aller Kürze umreißen, worum es beim UEFA Financial Fairplay geht?

Es ist eigentlich ein verdeckter „Salary Cap", der manchen vielleicht ein Begriff aus den US-Sportligen ist. Grob gesagt geht es um einen Schutzmechanismus für die Klubs. Es soll gewährleistet werden, dass diese nicht über ihre Verhältnisse leben, also nicht mehr ausgeben, als sie einnehmen. Die Bestimmungen werden in einem Zeitrahmen von fünf Jahren weiter verschärft, so dass dann jeder Klub in Europa eine ausgeglichene Bilanz vorweisen muss, wenn er in einem europäischen Wettbewerb spielen will. Es ist zu erwarten, dass diese Regelung zudem auch in das deutsche Lizenzierungsverfahren übernommen wird.


Im Winter kam Ryan Babel aus Liverpool. Wie passt das mit wirtschaftlicher Konsolidierung zusammen?

Aufgrund der Abgabe von Demba Ba mussten wir handeln und hatten dadurch auch ein frei gewordenes Gehaltsbudget. Anders wäre der Transfer von Ryan nicht denkbar gewesen. Zum zweiten war der Substanzverlust innerhalb des Kaders groß. Allein durch die Integration von Talenten hätten wir diesen nicht wett machen können. Im Übrigen sind wir mit der Verpflichtung nicht gänzlich von unserer Linie abgewichen. Ryan ist vor kurzem 24 Jahre alt geworden. Er befindet sich quasi in der Endphase seiner Ausbildung und hat noch viel Potenzial. Wir wollen ihm dabei helfen, das abzurufen.


Wie weit sind die Jugendspieler Jannik Vestergaard und Denis Thomalla?

Man sieht bei beiden, wie sie sukzessive an den Profikader heranrücken. Beide haben absolut unbestreitbare Qualitäten. Der nächste Schritt wird der Profivertrag sein. Denis hat sich die ersten Sporen bei den Profis mit seinen Einwechslungen schon verdient, bei Jannik ist das auch nur noch eine Frage der Zeit.


Wie kann überhaupt die langfristige Zielsetzung eines „Dorfvereins" aussehen?

Das Bild des kleinen aber feinen Dorfvereins müssen wir uns sicher durch bodenständiges Handeln in sämtlichen Fragen erhalten. Profifußball ist zwar nicht unbedingt ein Geschäft, das allzu langfristige Planung zulässt. Es gibt hier aber eine Philosophie, nach der konsequent auf junge Spieler auch aus der Region gesetzt wird, die sich entwickeln können und sollen. Dafür legen wir gerade in allen Bereichen ein Fundament, um die Nachhaltigkeit zu sichern. Das braucht aber noch etwas Zeit.


Was sagen Sie einem Fan, der von den europäischen Plätzen träumt?

Träumen ist nicht verboten. Wir haben gerade im letzten Jahr viel versucht und es nicht geschafft uns für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren. Wenn wir uns die Zeit nehmen und konsequent in der eingeschlagenen Richtung weiter arbeiten, ist das bestimmt auch in absehbarer Zeit möglich.


Wer wird Meister? Wo landet Hoffenheim?

Meister wird wohl der BVB. Die nächsten drei Spiele werden das entscheiden. Für uns hoffe ich, dass wir uns noch ein paar Plätze nach oben schieben können.


Sie spielen nach wie vor selbst Fußball. Welche Position?

(Lacht) Ich sehe mich als Allrounder. Soll heißen: Ich renne dem Ball hinterher, egal wo der hinfliegt.

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