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23.02.2011

Tom Starke im Interview: „Hoffenheim ist der nächste Lebensabschnitt“

Es fühlt sich an, als sei er schon ewig da. Dabei steht Tom Starke erst seit Beginn dieser Saison im Kasten von 1899 Hoffenheim. Innerhalb kürzester Zeit avancierte der vom MSV Duisburg gekommene Keeper im Kraichgau zum Publikumsliebling, zur Führungsfigur und zur Stammkraft. Eine Bauchmuskelverletzung zwang ihn zwei Monate zum Zuschauen. Inzwischen hat er sich erholt und bietet dem jungen Hoffenheimer Team dank seiner Erfahrung und Souveränität einen unschätzbaren Rückhalt. Im Interview mit achtzehn99 spricht Starke über seine Rolle bei Hoffenheim, gewährt Einblicke ins Private und analysiert Trends und Perspektiven im Torwartspiel.

achtzehn99: Bist du nach der Verletzung schon wieder bei den berühmten 100 Prozent?

Tom Starke: Ich bin bei nahezu 100 Prozent. Durch die Spiele sind die Routine und die Abläufe wieder dazugekommen. Aber ich war von Anfang an fit.


Du hast mit Daniel Haas einen starken Vertreter im Kasten gehabt. Wie ist das Verhältnis zwischen euch beiden und den anderen Torhütern?

Der Umgang zwischen den Torhütern ist hier ein bisschen kurios. So habe ich das in meiner Karriere auch noch nie erlebt. Das Verhältnis ist trotz der Konkurrenzsituation sehr freundschaftlich. Daniel und ich haben ein sehr gutes Verhältnis. Die Situation ist klar, aber wir wissen beide damit umzugehen. Ich bin froh, dass er ordentlich gehalten hat. Dadurch kamen auch noch ein paar Punkte ins Boot.


Gegen Schalke wurde endlich mal wieder ein Sieg eingefahren. Was waren die entscheidenden Punkte, die besser liefen als in den vorangegangenen Spielen?

Gegen Cottbus und Pauli waren wir klarer Favorit. Das war vielleicht ein psychologischer Nachteil. Auf Schalke hätte auch jeder mit einem Punkt leben können. Dann lief das Spiel nach dem frühen 1:0 komplett für uns. Es hat fast alles geklappt, was wir uns vorgenommen haben. Bis auf die Torausbeute natürlich, die hätte auch noch höher ausfallen können.


In Hoffenheim arbeiten zwei Torwarttrainer. Wie läuft die Zusammenarbeit und wie ist die Arbeit mit zwei Trainern?

Das ist alles teamorientiert. César Thier und Zsolt Petry machen das sehr gut und wir Torhüter profitieren davon. Ich bin sehr froh, dass beide da sind. So können wir noch individueller trainieren und werden noch aufmerksamer betreut.


Du hast deine Karriere 2002 bei Bayer 04 Leverkusen begonnen und warst auch Teil der Mannschaft, die Bayer damals den Titel „Vizekusen" einbrachte. Welche Erinnerungen hast du heute noch an die verlorene Meisterschaft, das Champions League Finale und das Pokalfinale?

Ich saß mit 19 Jahren auf der Bank. Das war schon eine denkwürdige Saison und sie wird mir daher auch immer in Erinnerung bleiben. Es überwiegen aber die positiven Dinge, weil wir richtig tolle Spiele hatten, vor allem in der Champions League. Auch wenn ich mein Debüt in der Bundesliga erst später beim Hamburger SV gegeben habe, war das Jahr mein Einstieg in den Profifußball.


Wie kam es zum vorübergehenden Engagement beim HSV?

Martin Pieckenhagen war damals deren Nummer Eins und hatte sich verletzt. Der HSV war deshalb auf der Suche nach einem vorübergehenden Ersatz und ich wollte unbedingt Einsatzzeiten. Dann ging es erstmal in die zweite Liga, weil ich lieber dort Spielpraxis sammeln wollte, anstatt in der Bundesliga auf der Bank zu sitzen. Heute kann ich sagen: Der Umweg hat sich gelohnt.


Geboren bist du in Freithal, nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Die Wende hast du als Kind erlebt. Welche Erinnerungen hast du noch daran?

Ich war acht, als die Mauer fiel, habe daher nicht so viel davon mitbekommen. Auch von den Problemen in der damaligen DDR wusste ich noch nichts. Ich war ein Kind und denen ging es im Osten gut. Das war ja Teil der Ideologie. Bis zu meinem 18. Lebensjahr bin ich auch dort wohnen geblieben. Erst als das Angebot von Leverkusen kam, bin ich umgezogen.


Du bist ein Familienmensch. Welche Rolle spielen deine zwei Kinder und die Familie in deinem Leben?

Die Familie steht über allem. Nichts ist wichtiger als die Familie. Es gab schon genug Situationen - gerade im Fußball - wo es bei mir mal nicht so lief. Zu Hause kann ich dann abschalten. Die Kinder lenken einen ab. Und auch, wenn es mal super läuft, holt einen die Familie ganz schnell auf den Boden zurück. Das ist mein Halt und das versuche ich auch, meinen Kindern zu vermitteln.


Dein jüngerer Bruder, Manuel Starke, ist ebenfalls Fußballer. Habt Ihr Kontakt?

Klar, Manuel ist quasi mein bester Freund. Unsere Eltern haben uns vorgelebt, was Familie bedeutet. Das wollen wir so auch weiterführen.


Auf dem Platz ist er Offensivallrounder, du Torwart. Eigentlich ein perfektes Trainingsduo, oder?

(lacht) Stimmt schon, wir waren ständig zusammen auf dem Bolzplatz, auch mit vertauschten Rollen. Wenn wir beide bei meinen Eltern sind, schnappen wir uns selbst jetzt noch den Ball und gehen eine Runde kicken.


Wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte - was dann?

Schwer zu sagen. Ich habe mit neun Jahren angefangen und es war von Anfang mein erklärtes Ziel, Profi zu werden. Parallel habe ich mein Abitur auf einem Sportgymnasium gemacht. Das Hauptaugenmerk lag also immer auf Sport. Wäre es mit dem Fußball nichts geworden, hätte ich sicherlich studiert - und auch da was im Sportbereich.


Im Torwartspiel allgemein hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Es gibt diesen neuen Typ mit Spielern wie Manuel Neuer oder René Adler, die fußballerisch sehr ausgebildet sind. Wo liegen in deinen Augen die größten Veränderungen?

Als Torwart muss man sich dem Fußball anpassen. Die eigene Mannschaft steht mittlerweile viel höher, um den Ball schon in der Hälfte des Gegners zu gewinnen. Hinter der Abwehr ist dadurch automatisch mehr Platz. Auf Schalke hat man es gesehen: Wenn Neuer nicht ab und zu Kopf und Kragen riskiert hätte, dann wären wir sicher fünf oder sechs Mal alleine aufs Tor zugelaufen. Das ist der Beweis dafür, dass man sich umstellen muss. Wenn man im Tor stehen bleibt, hat man auch nichts zu verlieren. Das Spiel geht mehr in die offensivere Variante und außerhalb des Strafraums darf man halt nur den Fuß benutzen und deswegen muss man sich zwangsläufig auch fußballerisch weiterentwickeln.

Du wirst dieses Jahr 30 Jahre alt - für einen Torwart das beste Alter. Aber man sagt auch, dass damit ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Würdest du das bestätigen?

Für mich ist es momentan nur eine Zahl. Denn den Eintritt in den nächsten Lebensabschnitt habe ich mit der Unterschrift bei 1899 Hoffenheim gemacht. Das war, was ich mir gewünscht habe und ein entscheidender Schritt. Ich habe für drei Jahre unterschrieben und möchte gerne noch länger hier bleiben.


Kommt dir aufgrund deines Alters in der jungen Mannschaft automatisch eine Führungsrolle zu?

Ich weiß nicht, ob das unbedingt was mit dem Alter zu tun hat, vielleicht eher mit dem Charakter. Du kannst auch schon mit 22 Jahren Führungsspieler sein. Philipp Lahm hat das bewiesen. Genauso Andi Beck. Das kommt in erster Linie vom Charakter, wie man sich sieht und einbringen möchte. Ich sehe mich auf jeden Fall als Führungsspieler, aber das habe ich auch schon in jüngeren Jahren getan.


Kannst du dir vorstellen nach deiner aktiven Karriere als Trainer tätig zu werden?

Fußball ist mein absolutes Hobby. Dabei wird es auch immer bleiben. In welcher Position ich dabei bleiben werde, kann ich nicht sagen. Der Cheftrainerposten ist nicht der, der mich im Moment komplett reizt. Aber eine Stelle im Torwarttrainer- oder Scoutingbereich kann ich mir gut vorstellen. Andererseits weiß man im Fußball ja nie, was kommt.

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