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19.10.2010

Luiz Gustavo trifft Marten Strauch

Ein in Großbritannien gängiges Sprichwort lautet: „Fußball ist eine von Raufbolden gespielte Gentleman-Sportart und Rugby ist eine von Gentlemen gespielte Raufboldensportart.“ In unserer Serie „Sportler trifft Sportler“ begegnen sich heute Fußballer und Rugby-Spieler.

Wenn Marten Strauch diesen Spruch hört, muss er lachen. Nicht, weil er ihn noch nie gehört hätte, sondern weil mit dem Zitat das ausgedrückt wird, was vor allem in Deutschland dem Rugby als Klischee anhängt. Rugby als brutaler Sport, der keine Gnade kennt. Dem widerspricht nicht zuletzt Strauch. Für ihn ist Rugby „ein harter Sport, aber fair und mit klaren Regeln versehen".

Auch Luiz Gustavo hatte zu Beginn seiner Bundesliga-Karriere mit dem Image „Raubein" zu kämpfen. Die Wahrnehmung ist er los geworden, ein kämpfender Fußballer, der auch dahin geht, wo es wehtut, ist er geblieben. „Auf meiner Position darf man nicht zurückstecken", sagt der defensive Mittelfeldspieler. Rugby stellt für ihn Neuland dar, in Brasilien handelt es sich dabei ähnlich wie in Deutschland um eine Randsportart: „Ich habe mich außerdem immer auf Fußball konzentriert, da blieb kaum Zeit für andere Sportarten."

Betrachtet man dagegen die ursprüngliche Position von Marten Strauch, die des so genannten „Innendreiviertels", so fallen etliche Parallelen zur Rolle des modernen „Sechsers" im Fußball auf. Die Aufgaben sind die „zielgenaue Abgabe des Balls", „gute Tacklingfähigkeiten" und das „Überwinden der letzten Verteidigungslinie, um den Ball dann an die Flügel zu passen". Übersetzt auf Fußballdeutsch hieße das: Eine hohe Erfolgsquote der Pässe, gute Zweikampfstärke und die Fähigkeit, den Angriff auf das gegnerische Tor durch ein Dribbling oder einen Pass in die Spitze einzuleiten. Alles Attribute, die Luiz Gustavo auszeichnen.

Als Marten Strauch von der Möglichkeit eines Treffens mit Gustavo erfuhr, war er sofort Feuer und Flamme. Der mehrfache Rugby-Nationalspieler war früher selbst aktiver Fußballer und ließ sich kaum einen Kick mit Freunden auf dem Bolzplatz entgehen. Heute bleibt dafür kaum noch Zeit. Neben seiner Ausbildung zum Physiotherapeuten widmet er jede freie Minute dem Rugby. Ob als Spieler des SC Neuenheim (dem mitgliederstärksten Rugbyverein Deutschlands), als Trainer der vereinseigenen Damenmannschaft oder als Nationalspieler - Strauchs Freizeit ist eng verbunden mit dem Rugby-Ball.

Acht Mannschaften spielen in der Rugby-Bundesliga. Vier davon kommen direkt aus Heidelberg - jede von ihnen belegt derzeit einen Platz unter den ersten Fünf. Die Rhein-Neckar-Region stellt somit das unumstrittene Zentrum des deutschen Rugbysports dar. Otto Schily, ehemaliger Innenminister Deutschlands, nannte Rugby „die Sportart schlechthin in Heidelberg". Jede Menge Raum für Derbys also, die laut Strauch jedoch einen anderen Stellenwert als jene im Fußball haben. „Die Rugbyfamilie ist viel kleiner als die des Fußballs. Wir kennen uns fast alle, viele spielen zusammen in der Nationalmannschaft. Wirkliche Feindschaften gibt es nicht."

Der SC Neuenheim ist als vielfacher Meister und Pokalsieger „dem Erfolg verpflichtet", wie es der Vereinsvorsitzende des SC sowie der Präsident des Deutschen Rugby Verbands (DRV), Claus-Peter Bach, ausdrückt. Darüber hinaus kümmert sich der Verein vor allem um die Jugendarbeit, die bei allen Heidelberger Clubs großgeschrieben wird.

Der Stellenwert der Randsportart Rugby in Deutschland ist klein, jedoch im Wachstum befindlich. Der DRV freut sich über starke Zuwachsraten. Die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika, dem Heimatland des Rugby-Weltmeisters, verstärkte die Aufmerksamkeit für den Sport auch in Deutschland. Joachim Löw baut Rugbyspiele seitdem immer wieder als Trainingselemente in die eigene Vorbereitung ein. Auch das Team der Hoffenheimer lernte den Sport kennen, als sie im Rahmen eines gemeinschaftlichen Kino-besuchs den Film „Invictus" anschauten. Die Verbindung zwischen der „Ursportart" Rugby und dessen Nachkommen Fußball bleibt also auch heute lebendig.

Am anschließenden Rugby-Crashkurs mit Marten Strauch hatte Gustavo sichtlich Vergnügen. Drei Bereiche des Trainings im Rugby wurden dem Brasilianer dabei näher gebracht. Erstens das Passpiel, welches mit zwei unterschiedlichen Bewegungen durchgeführt wird. Zweitens der Kick, mit dem Punkte erzielt werden können oder der Ball nach vorne transportiert werden darf (als einzige legale Alternative zum Tragen des Balls). Drittens das Tackling, im Rugby die gängigste Art, um den Gegner zu stoppen und/oder den Ballbesitz zu erobern.

Und Gustavo entpuppte sich prompt als Naturtalent. Sowohl die ersten Passversuche als auch die Kicks quittierte Strauch mit imponiertem Kopfnicken. Nach der gemeinsamen Übung am „Tackling Bag" (ein Schaumstoffkissen, mit dem die für das Rugby üblichen Tacklings körperschonend geübt werden sollen) stand Gustavos Rugby-Tauglichkeit für Strauch endgültig fest. Direkt unterbreitete er dem 1899-Spieler: „Dich könnten wir am Samstag gut gebrauchen!" Ein Angebot, dass Gustavo lächelnd ausschlagen musste, auch wenn, wie er sagte, „die Sache einen Riesenspaß macht und wirklich eine nette Abwechslung ist. Der runde Ball ist mir aber lieber!"

Das Video des Aufeinandertreffens von Fußballer und Rugby-Spieler gibt es auf achtzehn99 tv »

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