02.07.2012 - 1899-FREUNDE
Bookmark  Senden Drucken  
02.07.2012 - 1899-FREUNDE
EM-Tagebuch – Spanien Europameister
von Alexander Hans Gusovius
Diesen Artikel empfehlen:
SuntechSpanienEM
Wenn Spanien ernst macht, ist es nicht zu stoppen. Wenn Spanien wirklich gewinnen will, gibt es kein Mittel dagegen. Wenn Spanien in absehbarer Zeit überhaupt zu besiegen ist, dann wohl nur durch sich selbst. – Das sind, grob skizziert, die Erkenntnisse des gestrigen Spiels, des gesamten Turniers. Zu überlegen agierte im Endspiel die spanische Elf, zu chancenlos wirkte Italien, das gegen Deutschland noch auftrumpfen konnte.

Was aber fängt man mit solchen Erkenntnissen an? Über diese Frage werden sich Fußballnationen, die selber gewichtigen Anspruch auf Titel anmelden, in den nächsten zwei Jahren noch den Kopf zerbrechen. Auf die eigenen Stärken vertrauen? Spanien kopieren? Darauf setzen, dass die Spanier satt werden und vor lauter Spielfreude irgendwann das Siegen vergessen? Immerhin hat man bei diesem Turnier schon gesehen, dass Spanien, wie die meisten Erfolgsverwöhnten, sich schwer tut, ausreichend Motivation zu entwickeln, wenn es gegen minder starke Gegner geht.

 

Im gestrigen Spiel war die Motivation jedenfalls ausreichend. Im unorthodoxen 4-6-0-System, das auch Holger Stanislawski schon in Hoffenheim angewandt hat, war den Spaniern nicht beizukommen. Balotelli wurde ausgeschaltet, Pirlo kaltgestellt. Italien erwarb sich dennoch ein paar sehenswerte Chancen, ähnlich wie Deutschland im Halbfinale, hatte aber zu keinem Zeitpunkt echten Zugriff aufs Spiel: wiederum wie Deutschland im Halbfinale.

 

Doch den Spaniern wäre auch, wenn sie statt 4-6-0 ein 4-3-3 oder irgendetwas dazwischen gespielt hätten, nicht beizukommen gewesen. Denn das Geheimnis des spanischen Fußballs ist viel weniger ein bestimmtes System, sondern die unglaubliche technische Finesse. Was die Spieler auf dem Platz und die von der Bank am Ball können, grenzt an Artistik. Italien hat in der ersten Halbzeit wahrlich nicht schlecht verteidigt. Es bedurfte chirurgischer Präzision, um da noch den Weg zum Tor zu finden. Der lange Pass von Iniesta fast auf die Grundlinie, den Fabregas in der 14. Minute auf den Kopf von Silva zurücklegte, war ein Musterbeispiel für die spanische Ausbildung am Ball. Entscheidende Millimeter und Millisekunden sind kein Zufallsergebnis, sondern Teil der Ausbildung. Sie werden erlernt und beherrscht – auch wenn Iniesta sicher eine erneute Sonderstellung innerhalb der spanischen Sonderstellung einnimmt.

Fuß und Kopf bilden im spanischen Fußball eine so untrennbare Einheit, dass man sich gelegentlich an die Harlem Globetrotters erinnert fühlt. Aber ist das wirklich noch Fußball, fragen viele, die sich in weniger spektakulären spanischen Spielen vom geduldigen Kurzpass-Spiel gelangweilt fühlen und das mit dem ursprünglich nicht abschätzig gemeinten Begriff „tiqui-taca“ belegen. Tatsächlich ist Fußball in solchen wie in vielen anderen spanischen Momenten ja meilenweit weg vom gewohnten taktischen Konzept vergangener Jahre und Jahrzehnte. Doch es ist unleugbar Fußball, vielleicht sogar Fußball in Reinkultur, denn auch die Spanier kommen bei aller technischen Finesse nicht am Kampf vorbei, der einen Teil des fußballerischen Reizes ausmacht.

 

Italien hat womöglich einen entscheidenden Fehler gemacht und das eigene Tor nicht wie Chelsea gegen Barcelona mit zehn Mann verriegelt. Sondern Italien ist, anders als Deutschland im Halbfinale, mit offenem Visier in die Partie gegangen und hat auf die eigene Offensive gesetzt. Ironie des Schicksals: Italien hätte durch den Rückgriff auf abgelegte Tugenden, den ultradefensiven „Catenaccio“, möglicherweise eine Chance gehabt – während Deutschland eben durch den Rückgriff auf abgelebte Mittel seine Chancen verdarb. Nicht das eigene Spiel zu machen, sondern das italienische zu zerstören: dieser Plan ging gründlich daneben. Und Spanien hat demonstriert, wie man den großen, aber alten und laufmüden Pirlo ausschaltet. Eben indem man ihn laufen lässt und permanent in Zweikämpfe verwickelt. Dann kann Pirlo keine entscheidenden Impulse mehr geben und bleibt der italienische Sturm ohne Durchschlagskraft.

 

Das spanische 4:0 war als Ausdruck deutlicher Überlegenheit mehr als verdient. Und die deutsche Mannschaft hätte gegen ein spanisches Team in dieser meisterlichen Verfassung sicher auch keine Chance gehabt. Nachdem zu Beginn des Turniers noch – wie bereits 2010 – die Schlagbarkeit Spaniens ausgerufen worden war, geistert jetzt durch die Medien schon die Prognose von der spanischen Titelverteidigung bei der WM 2014. Gar nicht unwahrscheinlich, dass es so kommt. Frankreich, Holland, Deutschland, England, Portugal, Italien, Brasilien, Argentinien: sie alle besitzen variierend großes Potential, verfügen aber nicht über Spaniens technische Möglichkeiten und nicht über die Homogenität der „Furia Roja“.

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass im Finale des Turniers genau jene zwei Mannschaften standen, die den Teamgedanken am tiefsten ausgeprägt hatten. Hier die Italiener mit hohem Pathos schon beim Singen der Hymne, dort die Spanier mit ihrer nonchalanten Gelassenheit. Beide Teams agierten wie aus einem Guss: die Italiener als kunstvoll verzahnte Truppe zwischen Genie, Anarchie und Fleiß, die Spanier als künstlerisch veranlagter Schwarm intelligenter Individuen, die ihr Team aus freier Entscheidung und freiem Willen zu formen scheinen. Die Omnipräsenz der Systeme macht den Reiz und die Stärke der jeweiligen Mannschaft aus.  

 

Für Deutschland steht zu erwarten, dass früher oder später ein Umbruch eingeleitet werden wird, ähnlich wie in Hoffenheim durch Markus Babbel. Hier hatte sich das alte, anfangs so erfolgreiche Rangnick’sche, von den Nachfolgern weitergeführte System blitzartiger Angriffe überlebt und wird durch die substantielle Stärkung der Mannschaft ersetzt. Das steigert die mannschaftliche Geschlossenheit und baut der feinnervigen Anfälligkeit für Formschwankungen vor. Die deutsche Nationalmannschaft ist mit dem erneuten Steckenbleiben im Halbfinale wohl ebenso an die Grenzen des bisherigen Konzepts gestoßen, das gegen schwächere Gegner oder in Freundschaftsspielen glanzvolle Siege einfährt und in ernsthaften Begegnungen schwächelt. Vor allem schön und elegant spielen zu wollen, greift angesichts deutscher Mentalitäten offenbar zu kurz. Was fehlt, ist der absolute Wille, wie ihn bspw. Beckenbauer und Klinsmann als Spieler und als Trainer verkörperten. Erst der Wille verleiht jene Flügel, die zum Turniersieg reichen.

 

Mittwoch, 22.10.2014
1899sponsor1 1899sponsor2sap 1899sponsor3lotto Bande1415businessneu 1899sponsor2 1899sponsor5name